Fortschritt – was ist das?

Bewegt man sich durch Kuba bleibt einem die große Bedeutung der Landwirtschaft nicht verborgen. Zuckerrohr, Reis, Tabak, Früchte aller Art (Bananen, Ananas, Guyaba, Mandarine, …) und Gemüse wachsen auf riesigen Feldern. Die Fruchtbarkeit ergießt sich auf das ganze Land. Hohe Temperaturen und Luftfeuchtigkeit das ganze Jahr gepaart mit ergiebigen Regenfällen schaffen optimale Bedingungen für pflanzliches Wachstum. José, ein Feldarbeiter, erzählt mir im Schatten des Maisanhängers, wie weit Kuba doch den anderen Nationen auf der Welt hinterherhächelt, wie wenig entwickelt das Leben in Kuba doch sei und wie schwer und rückständig die Feldarbeit mit dem Pflug und Ochsen sei. Ein Gespräch, das stellvertretend für viele Begegnungen dieser Art sein soll.

Sehr vereinzelt sehe ich große Traktoren, des Staates, die landwirtschaftliche Maschinen hinter sich herziehen um die Felder zu bewirtschaften. Ein Bild, das auch bei uns in Europa, Deutschland, aufgenommen sein könnte. In Kuba jedoch ein seltenes Bild. Doch kommen wir nun wieder zurück auf unseren stellvertretenden Bauern José, der mir erzählt in welch rückständigen Zustand sich das Agrarwesen befindet.

Betrachtet man den Begriff fortschrittlich unter dem Aspekt nachhaltig und ökologisch, ändert sich die Perspektive schlagartig. José würde mich wahrscheinlich für verrückt erklären, wenn ich ihm sagen würde, dass man das Bestellen des Feldes mit Ochsen und Pflug und das Ernten mit der Hand fortschrittlich nennen würde. In den Industrienationen, so erzähle ich ihm, planieren schwere landwirtschaftliche Maschinen den Erdboden, die schwarzen Rauch ausstoßen, die fossile Brennstoffe schlucken, deren Öl in den Erdboden sickert, deren Herstellung und Entsorgung Energie und Müll produziert und deren Anbaumethoden nicht ökologisch sind. Die in den 90er Jahren gegründete Kubanische Vereinigung für organische Landwirtschaft (ACAO) entwickelte sich nach dem Zusammenbruch der Sowejtunion und dem einhergehenden Ausbleiben von Treibstoffen und Düngemittel unbeabsichtigt zum weltweiten Führer der ökologischen Landwirtschaft. Die eiserne Pflugscharre fiel vor vielen Jahrzehnten wahrscheinlich von einem russischen Laster und der Ochse wird, wenn er lahmt durch einen anderen ausgetauscht. Viele Komponenten der Landwirtschaft sind in den Naturkreislauf eingebunden. Ich möchte das Weltbild von José nicht ganz zerstören und beiße deshalb in den Maiskolben, der vor Frische nur so strotzt. Welch ein Genuß! Ein Produkt ganz frisch und rein von der Natur. Aber inzwischen werden in Kuba auch Pestizide und chemische Produkte angewandt – welch ein Fortschritt.

Advertisements
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Kurzgeschichten, Neuigkeiten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s