Mexiko – Chiapas Konflikt – Toter auf der Straße

Der Mais steht am Straßenrand, aus dem Tortillas (Brotfladen) hergestellt werden. Außerdem sind Bohnen und Bananen an steilen Hängen unter schweren Bedingungen angebaut. Die Straße windet sich durch das Gebirge. Große Schottersteinbrüche werden von den Eingeborenen selbst verwaltet um an Bares zu kommen und um sich das Nötigste leisten zu können. Schweine und Kühe sieht man in der Ferne und manchmal ganz nah. Von den meisten Kindern werde ich bereits von Weitem mit einem missmutigen „Gringo“ gerufen, von Männer dezent bis zurückhaltend und von dem Großteil der weiblichen Eingeborenen leise mit dem Blick auf dem Boden gerichtet gegrüßt. Ich fühle mich fremd und fehl am Platz. Nach einiger Zeit fiel mir auf, dass der Gruß allerdings aus „Adios“ (Lebewohl) besteht. Nicht ein „buenas dias“ oder „hola“ schallt einem entgegen – Nein, ein „Adios“. Über die Straße wird eine Schnur gespannt um Autos anzuhalten um Bananen und Essbares auf penetrante Art zu verkaufen. Ebenso versperrt ein Baum das Weiterkommen um Maut zu verlangen. Zum Anfreunden scheint einem die Gegend nicht geeignet. Vor Ocosingo, einem größerem Gebirgsort, liegt eine autonome Schule auf deren Fassade eine Zeichnung von bewaffneten Guerilla-Kriegern, offensichtlich aus Kinderhand gezeichnet wurde. Entkräftet mache ich mich wenig überzeugt auf die Suche nach einem Quartier für die Nacht. Am nächsten Tag geht es mit neuen Kräften nur in eine Richtung, nach „oben“ und der 1. Gang ist der stetige Begleiter. Nach gut einer Stunde entgegnet mir ein „dreh um, die Straße ist gesperrt“. Etwas mürrisch fahre ich weiter und denke an die bereits gesehenen Straßenblockierungen. Nach der Kurve erscheint die prognostizierte Autoschlange und ein älteres Ehepaar teilt mir mit, dass ein Toter auf der Straße liegt!

Niemand mag so recht den Hergang des Totes wissen und wie lange die Straßensperre dauern wird. Der Mann des älteren Ehepaars war bereits dabei mir eine Alternativroute zu beschreiben, die mit einer Rückkehr nach Ocosingo (20km) verbunden war, die ich im gleichen Augenblick des Hörens mit dem Gedanken an die Steigungen abhakte. Die Situation beobachtend sah ich ein Zelt, das sich genau in der Mitte der Straße befand, sodass kein Auto, Bus oder größeres Fahrzeug passieren konnte. Das Szenario kam mir komisch vor. Mitten auf der Straße ein Toter – für jeden Unbeteiligten schreit das nach einem Verkehrsunfall. Eine Menschenmenge verammelte sich um das weiße Zelt mitten auf der Straße. Was ich nach der bisherigen Erfahrung durch Chiapas, dem ärmsten Bundesstaat von Mexiko, vermeiden wollte, war definitiv ein Verbleiben an diesem Tatort. Trump als neuer Präsident und ein Gringo und ein Toter im gleichen Dorf ist keine gute Kombination. Das Fahrrad schiebend und den Blick nach unten auf die Straße gerichtet, um jeden Kontakt zu vermeiden, näherte ich mich am Straßenrand der Menschenmenge und dem weißen Zelt, in dem über einer Trage eine Decke lag. Tief durchatmend nahm mich niemand zur Kenntnis. Den Blick hebend nehme ich die Autoschlange auf der anderen Seite war, setzte mich aufs Rad und fahre weiter.

Zur Mittagszeit erfahre ich, dass der von mir angenommene Verkehrsunfall ein Mord ist. Ein 13-jähriger Dorfbewohner wurde von einem Polizisten / Soldaten per Kopfschuß ermordet. Nachdem die Dorfbewohner den Toten entdeckten legten sie ihn in die Mitte der Straße um Aufklärung und Aufmerksamkeit zu provozieren. Am Anfang konnte ich diese Version nicht glauben und mit dieser Meinung fuhr ich weiter bergauf. 

Die Meldung der Straßensperrung verbreitete sich wie ein Lauffeuer, da der Weg zwischen Palenque und San Cristobal als wichtige Verbindung touristicher Ziele und Versorgung gilt. Die Version einer Ermordung höre ich oftmals.

Nach einem 4-tätigen Aufstieg von Palenque nach San Cristobal auf 2200m habe ich Zeit mich näher über die Region Chiapas und den Vorfall zu informieren. Chiapas ist die sülichste und ärmste Region Mexikos. 2/3 der Bevölkerung sind fehl- oder unterernährt. Auf 25000 Einwohner kommt ein Arzt. Erkältung und Durchfall zählen zu den häufigsten Todesursachen. 30%-40% Bevölkerung sind Eingeborene (u.a. Tzeltal, Tzotzil). In Chiapas existieren Ressourcen wie Erdöl, Uran und Holz.

„Chiapas ist ein reiches Land mit armen Menschen“ (T. Benjamin, 1996).

Grundsätzlich besteht der Chiapas-Konflikt zwischen den Bewohnern Chiapas und der mexikanichen Regierung. Die Nationale Zapatistische Befreiungsarmee (EZLN), oder auch Zapatisten genannt, die sich in den Dörfern Chiapas gebildet hat kämpft für die Gestaltung eines selbstbestimmten Lebens auf der Grundlage wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Autonomie. Die mexikanische Regierung möchte eine Autobahn durch Chiapas bauen, die Ressourcen (Öl, Uran, Holz) privatisieren und für den Kapitalismus und der Globalisierung den Weg ebnen. In Chiapas sind auf 4% der mexikanischen Fläche rund 1/3 (70 000) mexikanischer Soldaten stationiert.

Folgender Text ist ein Ausschnitt aus

http://carea-menschenrechte.de/chiapas/hintergrund

Ziel der Militärpräsenz in Chiapas ist, die zivile Unterstützung der EZLN zu treffen. Durch ständige Kontrollen, Patrouillen, Tiefflüge von Hubschraubern und Kampfjets über Gemeinden soll Macht demonstriert werden. Willkürliche Verhaftungen und selektive Gewalt sollen einschüchtern und gehören neben Propaganda und Desinformation zur psychologischen Kriegsführung. Bei den UnterstützerInnen der EZLN soll so Verwirrung, Unsicherheit und Angst gestiftet und Spaltungen sowie das Brechen des Widerstands herbeigeführt werden.

Eine wichtige Rolle spielen hierbei der Aufbau und die Unterstützung bewaffneter paramilitärischer Gruppen durch das Militär. Sie stehen mit den lokalen politischen Eliten in Verbindung, der Großteil ihrer Mitglieder sind Indígenas, die in den selben Dörfern wohnen wie die ZapatistInnen oder in Nachbardörfern. Diese irregulären Einheiten können ohne Rücksicht auf völkerrechtliche Konventionen operieren und die Zivilbevölkerung in den Dörfern direkt durch Morde, Vergewaltigungen, Folter, Verschleppung, Diebstahl von Ernten und das Anzünden von Häusern einschüchtern und vertreiben. Anschließend deklariert die Armeeführung diese gewaltsamen Auseinandersetzungen als ethnische oder religiöse Konflikte zwischen bewaffneten Gruppen und interveniert in “friedensstiftender und neutraler” Mission.

 

Insofern kann ich nun die Version einer Ermordung mit einer anschließenden Publikmachung, indem die Dorfbewohner die Leiche auf die Straße legten, nachvollziehen. Außerdem kann ich das Verhalten und den Umgang der Chiapas-Bewohner ggü. Touristen/Gringosn nun besser einordnen und verstehen.

 

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Gemeinschaft im zivilen Widerstand. (Gegen die Energieprivatisierung und internationale Konzerne in der Region)

 

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Gesichter der Anhänger der EZLN

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Gesichter der Anhänger der EZLN

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Gesichter der Anhänger der EZLN

 

Weitere Informationen findet man auf folgenden Seiten:

http://carea-menschenrechte.de/chiapas/hintergrund

http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Mexiko1/zapata.html

http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Mexiko1/chiapas2.html

http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Mexiko1/pemex.html

http://wiw.adpo.org/taglich-50-mordopfer-bei-2-aufklarungsrate-in-mexico-herscht-das-recht-des-starkeren/

 

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Eine Antwort zu Mexiko – Chiapas Konflikt – Toter auf der Straße

  1. Elfi Zucker schreibt:

    Hallo Oli, ich wünsche Dir eine gute Weiterreise und vorallen bitte pass gut auf Dich auf. Lg Elfi

    Gefällt mir

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