Kanaren – Weiterreise und Heimat

GOPR0172 Die Zeit des Windes ist vorbei – für die nächsten Tage. Eine Woche mit Kitekursen und Wasseraktivitäten liegt hinter uns. Heute der zweite freie Tag infolge. Ich beginne wieder ausgeruht zu sein und mich wieder ein wenig als Tourist auf der Insel zu fühlen. Die freie Zeit lässt Gedanken aufkommen an die Fortsetzung der Reise, da es im September/Oktober ja weitergehen soll. Ein Plan ist Richtung Süden über Marokko und Mauretanien in die Hauptstadt Senegals Dakar zu radeln und dort vielleicht eine Mitfahrgelegenheit auf die Kap Verden zu finden. Voraussetzung dafür ist allerdings die Eröffnung der langversprochenen Fährverbindung zwischen Fuerteventura (Puerto Rosario) und Marokko (Tarfaya). Ein anderer Plan wäre direkt nach Südamerika, genauer gesagt in den Norden Brasiliens, zu springen. Entweder per GROSSEN Schiff oder per Flugzeug. Des Weiteren dreht sich in meinem Kopf die Frage, ob ich den Anhänger mitnehme oder erstmal ohne weiterziehe? Als ich hier ankam, war ich froh mich von dem Ballast trennen bzw. abstellen zu können. Auf die Frage wie ich weiterreise, antwortete ich damals: „OHNE Anhänger“. Auch gab es einige Interessenten, die den Anhänger erwerben wollten. Doch unsere Gedanken, wir und unser Umfeld verändern sich jeden Tag. Und so frage ich mich in diesen Tagen – Anhänger ja oder nein?

P1000883Das Gewicht des gesamten Gefährts, dies kann mit Abstand ohne Zweifel gesagt werden, war eindeutig zu viel. Die Hangabtriebskraft war für den Körper zu groß. Deshalb muss abgespeckt werden. Der „Anhängergürtel“ wird enger geschnallt. Der Stift wird herausgezogen und leichtere Anhängerkonstruktionen im Brain Storming – Verfahren aufgezeichnet. Wieder einmal ensteht der Kontakt mit Peter von hinterher.com aus München, der immer gute Tips bei der Hand hat. Vor- und Nachteile werden hin- und hergewälzt. Doch was ist die Leitlinie?

Die Website für die Reise erstellte ich bereits ein halbes Jahr vor der Abreise in den Weihnachtsferien. Diese Zeit bot sich perfekt dazu an ohne Druck die Homepageerstellung zu lernen und sich Gedanken um den Inhalt zu machen. So entstand die Seite der „Reisephilosphie“, in der die Art und Weise der Reise und Ziele niedergeschrieben sind. Außerdem fand ich ein Buch mit einem Text von Stefan Zweig (https://windtramp.org/2015/03/10/reisen-oder-gereist-werden-von-stefan-zweig-1881-1942/). Diese Texte haben mir bis jetzt sehr weitergeholfen. An dieser Stelle fällt mir wieder einmal eine Szene meines ehemaligen Seminarlehrers ein, der mich fragte: „Was sind Ihre übergeordneten Lernziele der Stunde“. Diese Frage stellte er mir, da ich anscheinend den „Roten Faden“ verlor und ich mich rückbesinnen sollte, worum es in der Schulstunde eigentlich ging. Genau dieses Szenario fand ich bereits des Öfteren in einem anderen Kontext während der Reise wieder, da man frei und losgelöst von seinem Umfeld und gewöhnlichen Alltag ist. Und so erinnere ich mich in diese Tagen während mich die Anhängerfrage beschäftigt wieder an diese Zeilen – „Aber Reise soll Verschwendung sein, Hingabe der Ordnung an den Zufall, des Täglichen an das Außerordentliche, sie muss allerpersönlichste, ureigenste Gestaltung unserer Neigung sein.“ …. insofern möchte ich mit Anhänger weiterreisen. Doch dann lese ich weiter auf meiner Homepage und: „Der Plan ist eigentlich nicht so viel zu planen.“ Ok stimmt, diese Strategie hat bisher sehr gut funktioniert. Die Gedanken der neuen Anhängerkonstruktion und der weiteren Wegplanung lege ich in die Schublade. Zuviele Planungen versperren die Sicht auf die Gegenwart. Bei Bedarf ziehe ich die Schublade wieder auf und alles andere lasse ich auf mich zukommen und man wird sehen was passiert.

IMG_9039In Fuerteventura trifft man Menschen mit interessanten Lebensläufen. Da ich gerade in der Nähe bin mache ich einen Besuch bei Nicola „Der Surfdoctor“ im Zentrum von Corralejo. Er repariert Kites, Bretter, Bars, Neoprens und eigentlich alles was mit dem Wassersport verbunden ist. Was hat ihn auf die Insel gelockt? Wie ist sein Weg bis hierher verlaufen? Ursprünglich studierte er in Trevisa (Italien) Philosophie am Kunstinstitut und arbeitete danach dort am Lehrstuhl. Danach vertiefte er sich in die ästhetische Philosphie. Schrieb ein Buch darüber, machte Gruppenkurse zur Skulpturenerstellung und hatte eine Werksatt, wo er seine Skulpturen in mühsamer Arbeit gestaltete. Das 8 bis 10 Stunden jeden Tag. Für die Fertigstellung einer seiner Skulpturen dauerte es bis zu einem Jahr. Vor seinem Studium verbrachte er viel Zeit mit dem Lesen, Besuch von Museen und Kunst. Die Leidenschaft begleitete ihn auch auf den Reisen nach Amerika und in der Welt. Nach seiner Zeit in Italien gelangte er zufällig nach Valencia. Er wollte sein Leben verändern – etwas anderes tun. Dort arbeitete er anfänglich als Maler. Für das bekannte spanische Fest „Las Fallas“ erstellte er eine 20m Skulptur. Auch war es in Valencia 2007 als er seine neue Leidenschaft „das Kitesurfen“ entdeckte. Da dort der Wind allerdings nicht regelmäßig bläst, trieb es ihn für ein Jahr nach Chile. An der Küste in Matanzas etwa 200 Kilometer von Santiago de Chile entfernt, kaufte er beinahe ein Haus. Doch so sagt er: „Was hätte ich dort machen sollen, es gibt dort nichts, außer Wind, Meer und Wellen.“ Die Mischung ist auch der Grund, was ihn nach Fuerteventura trieb: „Man hat hier von allem ein bißchen. Wellen, Flachwasser, Arbeit, gutes Klima, stabile politische Lage,

Die Arbeit erforder höchste Präzision, da sich sonst das Flugverhalten des Kites ändert.

Die Arbeit erforder höchste Präzision, da sich sonst das Flugverhalten des Kites ändert.

Ruhe, schöne Natur und Menschen.“ Letztendlich war es eine Empfehlung eines Freundes und Zufall, dass er hier seine Zelte im Sommer 2010 aufschlug. Nachdem er am Anfang seiner Zeit auf Fuerte Häuser strich, Gartenarbeit erledigte, als Tellerwäscher arbeitete, lernte er Petra, die Besitzerin von Redshark kennen. Sie arbeiteten zusammen als Kitelehrer. Außerdem war er auch für das gesamte Kite- und Surfmaterial bei Redshark verantwortlich. Aus seiner Zeit in Valencia und Chile hatter er bereits Erfahrung im Reparieren dieser Utensilien. Da immer mehr Leute auf ihn zukamen, eröffnete er seinen eigenen Laden „Surfdoctor“ (http://www.surfdoctorcanarias.com/). 2014 verschlug es ihn für ein paar Monate nach Australien um zum Einen noch mehr über seine Arbeit zu lernen und zum Anderen um einen neuen Ort kennen zu lernen, wo es vielleicht zukünftig hin geht. „Ich möchte mich verändern, da es mir mit der Zeit an einem Ort immer langweilig wird. Mal sehen was als nächste Leidenschaft nach Kitesurfen kommt, wenn mir das zu langweilig wird. Das interessante an unser heutigen Zeit ist, dass wir uns unser Leben aussuchen können.“ Sein Leben zu verändern, vergleicht er mit dem Umschalten eines Programmsenders. „In unserem einen Leben können sehr viele Leben sein. Früher war das nicht möglich. Heute kann jemand, der sehr reich ist am nächsten Tag arm sein und umgedreht. Unsere Ur-Ur-Ur-Großväter waren Sklaven der Arbeit und konnte nicht frei reisen und arbeiten.“ Diese Unterhaltung hat bei die Frage aufkommen lassen, wo ist die Heimat?

Bruce Chatwin ein britischer Schriftsteller, der einige Reisen u.a. nach Patagonien und Australien unternahm, definierte den Begriff Heimat mit den Worten: „… dort kann ich nachdenken, Musik hören, im Bett lesen und mir Notizen machen. Ich kann dort vier Freunde bewirten, und es ist, wenn man es recht bedenkt, ein Ort, wo man seinen Hut aufhängen kann.“ Auch wenn ich erst sehr kurze Zeit in Fuerteventura bin treffen einiger dieser Heimatkriterien von Chatwin auf das Leben in meinem Bus zu. Nichts desto trotz glaube ich, dass Heimat nicht nur örtlich und materiell ist, sondern auch in uns ist, denn zur Heimat gehöre zu allererst ich selbst dazu.

P1000891Franzi, Max und Michel sind zu Besuch. Freunde und ein Stück Heimat kommen nach Fuerteventura. Das letzte Mal als wir uns gesehen haben waren wir noch zu dritt. Jetzt zu viert! Max kann zwar noch nicht sprechen, er ist allerdings während des einwöchigen Aufenthalts stetig im Zentrum der Aufmerksamkeit. Auch wenn der Gesundheitszustand nicht immer der beste war 😉 erlebten wir zusammen tolle Tage – am Strand, am Pool, in der Lagune von Sotavento beim Kiten, in Corralejo und Cotillo. Ich habe mich riesig gefreut, da sich die Zeit sehr intensiv angefühlt hat und so als wenn ich nie weg gewesen wäre. Danke für Euer Kommen und die Zeit.

Hier gehts zu weiteren Bildern: https://windtramp.org/2016/05/09/kanaren-bilder-weiterreise-und-heimat/

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Eine Antwort zu Kanaren – Weiterreise und Heimat

  1. Eleonore Janka schreibt:

    Hallo Oliver,freue mich immer sehr,wenn Berichte von Dir mich erreichen.Im Schuljahr 2016/2017 wirst Du sicher nicht zur Verfügung stehen.Genieße die Zeit so lange wie möglich!!
    Liebe Grüße aus München Lore

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