Mexiko – Systemwechsel im Paradies?

Früh am Morgen hoffe ich auf einige wolkenlose Stunden und auf den Taxifahrer, der mich zum Flughafen bringen soll. Die letzten Tage in Kuba waren sehr regenreich. Teilweise tropfte es von der Decke und auf den Straßen dehnten sich riesige Wasserlachen aus, in denen sich die Hausfasaden spiegelten. Mit einem alten russischen Lada und dem verpackten Fahrrad auf dem Dach passierten wir die frische Morgenluft. Die Entspanntheit am Flughafen werde ich bald vermisst haben. Nach der Ankunft in Cancun und dem damit verbundenen Kontrast in der Konsumwelt, im gesamten öffentlichen Bild, vorallem in Form von Werbeflächen, die Träume und Bedürfnisse kreieren, bin ich verwirrt. Wieder angekommen im Kapitalismus! War es in Kuba noch so, dass jedermann Zeit hatte („In Kuba gibt es mehr Zeit als Leben“) für ein Gespräch, zum auf der Bank sitzen, zum Beobachten oder einfach nur zum Sein. So fühlt es sich in Cancun an, als wären die Menschen auf der Jagd ohne Zeit verlieren zu

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Und ein Flash im Supermarkt. Welch ein Chaos, von allem so viel!!!

wollen. Welches der beiden Systeme ist nun das Bessere? Der Sozialismus garantiert mehr oder weniger ein gewisses, gutes Minimum an Nahrung, Wohnung, Gesundheit und Bildung. Das „Maximum“ des Lebens ist vom Minimum allerdings nicht weit entfernt. Träume sind schwer zu realisieren und der Mensch lebt eben nicht nur vom Brot allein. Der Kapitalismus ermöglicht einen gewissen Teil der Gesellschaft die Realisierung von Träumen. Allerdings fehlt eine soziale Absicherung oder ein funktionierendes Gesundheitssystem in vielen kapitalistischen Ländern, ein Großteil des Kapitals befindet sich in den Händen weniger und der Reichtum und Wohlstand des kapitalistischen Westen basiert mehr oder weniger auf den Schultern von Schwellen- und Entwicklungsländern. Vielleicht gibt es keine Antwort darauf, welches nun das bessere System ist und vielleicht sollte man sich entfernen von der Existenz von nur zwei umsetzbaren, polaren Systemen.

Seit mehr als einer Woche schaue ich wieder einmal in den Spiegel. Die etwa 10x10cm große Quecksilbertafel hängt an einem Faden zwischen den Brettern im Kitelager. Vor mehr als drei Wochen kam ich bei der Kiteschule Ikarus an. Ein Kitespot außerhalb der Zvilisation. Unberührt, ruhig, strahlt dieser Ort eine entspannende Aura aus. Lediglich

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Links die Küche, halblinks die Kiteschule, halbrechts das Restaurant.

Virginia und Leone sind vor Ort. Foka und Esteban befinden sich im Wasser um Kiteunterricht zu geben. Nachdem mich eine lange Sandpiste durch die zugewachsene Isla Blanca im Norden von Cancun führte, komme ich an, stelle das Rad ab und bin begeistert von der Ruhe und Einsamkeit. Schnell lerne ich das Team kennen, was unvermeidlich ist an diesem sonst menschenleeren Ort. Ich spanne die Hängematte unter einem traditionellen Strohdach auf, verstaue meine Sachen in einem aus Holz gezimmerten Schrank und fühle mich sehr schnell angekommen im einfachen Leben – im Paradies? Die Morgende beginnen harmonisch. Kurz nach dem Sonnenaufgang, eine kleine Windbrisse belebt die Palmenblätter und ich sitze im Rasen und habe Zeit und Raum. Nichts was wartet, sondern im Jetzt lebend.

Doch unerwartet wartet danach meine erste Kitestunde auf mich in der Lagune, die direkt an die Kiteschule grenzt. Bedingungen, die zum Schulen ein Traum sind. Flaches, stehtiefes Wasser und konstanter Wind. Die Lernzuwächse der Kiteschüler sind sehr schnell. Die nächsten Tage kommen weitere Kitelehrer an und die Gruppe in der Gemeinschaftsküche, eine Holzhütte, wächst und wächst: Erci aus der Türkei, Amy aus Amerika, Niko aus der Schweiz, Davide aus Italien, Adrian aus Argentinien sowie Emilio, Esteban, Virginia und Mary aus Mexiko.

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Beim Mittagessen in unsere Holzküche 😉

Es wird gemeinsam gekocht und gegessen und das Team ergänzt sich gut (Falls Milch fehlt, wird eine Kokosnuss von der Palme neben unserer Küche geholt). Die Windsaison hat gerade erst begonnen und dauert bis Mai an. Waren wir vor einer Woche noch froh, dass der Wind zunahm, so fallen wir jetzt am Ende des Tages in die Hängematte oder ins Zelt, da der Wind viele Kiteschüler anspült. Und so verändert sich das kleine Paradies, die unbefleckte Kiteschule am Rande der Zivilisation in einen überschwemmten Ort, sobald Nordwind angesagt ist. Das Grün des Rasens ist nicht mehr zu sehen, da so viele Kites dort liegen. Das stundenlange durch das Wasser waten und die Sonne zehren an den Kräften.

Was ist passiert, wo ist das Paradies geblieben oder gibt es ein Paradies überhaupt? Heute sitze ich bei Windstille vor dem Meer auf der Veranda und keine Menschenseele ist hier und ich merke wie das Paradies wieder ein Stückchen zurückkommt. Ich habe Zeit zu schreiben, mich auszuruhen, Morgenstrechting zu machen und Zeit, Zeit zu img_9926haben. Bevor die besagte windige Woche kam, putzten, restaurierten, reparierten wir die Gemeinschaftsküche, die Kiteschule, den Garten und hatten ebenfalls viel Zeit uns kennenzulernen. Danach war es auch eine schöne Abwechslung mit dem Rad in die etwa 20km entfernte Stadt Cancun zu fahren. Einmal in der Woche in die Stadt, wie sich das anhört. Dort fühlt man sich wie ausgesetzt. Lärm, viele Menschen, Werbung und man verwendet das bedruckte Papier namens Geld, dass man bei Ikarus „im Paradies“ gar nicht benötigt oder sieht. Nichts desto trotz war der Stadtbesuch eine schöne Abwechslung, da das Paradies auch schnell einsam oder monoton werden kann. Insofern komme ich zu der Ansicht, dass das Paradies kein Ort ist, sondern mehr ein Zustand in einem selbst, den man an vielen Orten finden kann.

Als ich mit dem Rad meine Heimat verließ, war ich gedanklich noch sehr stark mit meinem Leben und Denken in Deutschland verbunden. Ich benötigte ungefähr ein halbes Jahr um mich gedanklich davon zu lösen daran zu denken, wann ich wieder zurück nach Deutschland gehe und feste Pläne zu machen. Als ich als Kitesurflehrer in Fuerteventura arbeitete, kam ich in Kontakt mit anderen Lebenskonzepten, die real, umsetzbar und viel freier waren, als das was ich von Deutschland kannte. Gepaart war dieses Leben vorallem mit weniger Sicherheiten. Geld verdient man nur, wenn der Wind weht. Bei krankheitsbedingten Ausfall geht man leer aus. Mit der Zeit entwickelte ich das Gefühl mich dort zu Hause zu fühlen, wo ich interessante Orte und Menschen fand, mit denen ich auf einer Wellenlänge lag. Der Kontakt- und Netzwerkbaum trieb viele Äste und damit ebneten sich mehrere Wege weiter in die Welt hinaus und ich fühle wie mir das was ich tue viel Energie gibt. Vor Kurzem schrieb mir ein guter Freund aus Deutschland und fragte, wann ich wieder zurück in die Heimat kommen werde. Ich antwortete ihm, dass ich das nicht wüsste und ich im Moment sehr zufrieden mit meinem aktuellen Lebenskonzept und -weise sei. Weiter kam er auf die Altervorsorge zu sprechen, ein Kapitel, das für mich seit jeher nicht präsent war oder ist. Er riet mir, dass ich mir Gedanken darüber machen sollte, da er es bedauert nicht so früh wie möglich damit begonnen zu haben. Das Thema war der besagte „Stock“, den man während seiner gesunden Tage schnitzt um im Alter eine Stütze zu haben. Doch aus was besteht der „Stock“. Ist er rein finanzieller Natur? Oder besteht und entsteht der „Stock“ auch aus einer soziale Altersvorsorge, körperliche Altersvorsorge und psychische Altersvorsorge die im Hier und Jetzt beginnt und meinen nächsten Tag und Morgen beeinflussen und letztendlich mein Alter. Unbeschrieben sollte Geld nicht vollends fehlen, lediglich die Priotisierung sollte man in Frage stellen. Vielleicht ändert sich die Sicht auf „die Altersvorsorge“ auch mit dem Alter, den mein Freund, der mir die Mail schrieb, ist gut zehn Jahre älter als ich.

Bei der Einreise nach Mexiko bekam ich auf die Frage wie ich mich fortbewege sechs Monate Visum. Insofern werde ich die nächsten Monate bei der Kiteschule Ikarus bleiben, von dem tollen Kitelehrer-Team lernen, die ausgezeichneten Bedingungen zum Kitesurfen nutzen, ein wenig Geld für die Weiterreise verdienen, die Mayakultur in der nahen Umgebung erkunden und sehen was die Zeit bringt.

Hier gehts zur Bildergalerie: https://windtramp.org/2016/12/01/mexiko-bilder-systemwechsel-im-paradies/

 

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2 Antworten zu Mexiko – Systemwechsel im Paradies?

  1. Eleonore Janka schreibt:

    Hallo Oliver,vielen Dank für die vielen Fotos sowie den Bericht aus Mexiko.Sehr interessant!!!
    Du hast Recht,die Sicht auf die Altersvorsorge ändert sich mit dem Alter,aber man darf sie nicht außer Acht lassen!!Geniesse die Zeit in Mexiko,aber vergiß Deine Heimat nicht!! Lore

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  2. Eleonore Janka schreibt:

    Hallo Oliver,ich weiß nicht,ob meine Mail angekommen ist,deshalb noch einmal.Vielen Dank für die Fotos aus Mexiko und den den interessanten Bericht..
    Du hast Recht,die Sicht auf die Altersvorsorge ändert sich mit dem Alter,aber man darf sie nicht außer acht lassen.Noch eine tolle Zeit in Mexiko! Aber vergiß Deine Heimat nicht! Lore

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